News Update
March 1, 2006
Lentos Museum of Contemporary Art Linz
"FACE IT", Gottfried Helnwein
Nava Semel
Israel
Die Wunden der Erinnerung
Essay zur Ausstellung "FACE IT", Gottfried Helnwein
Das Mädchen krachte durch mein Browser-Fenster und der Text, an dem ich gerade arbeitete, begann auf meinem Monitor zu zittern. Dieses Bild hatte einen Cybersprung zu mir geschafft: Von einer Londoner Galerie bis nach Israel. Zwei Jahre lang war ich in die Arbeit an meinem Buch "Und die Ratte lacht" vertieft gewesen, dessen Kern die Erinnerung an den Holocaust und ihre Überlieferung durch die Generationen bis 2099 ist. Meine Protagonistin war ein kleines Mädchen, das in diesen dunklen Zeiten in einer Kartoffelgrube versteckt wurde, schwere Misshandlungen erlitt und überlebte. Und jetzt erschien dieses Mädchen plötzlich vor mir. Eine klare Vision, die auf mysteriöse Art und Weise meine eigenen, kleinen Worte ergänzte. Das verschlossene, reine Gesicht - betend oder verzweifelnd - und ein Hauch einer Träne, kaum sichtbar, im Winkel ihres Auges. Dieses Mädchen mit geschlossenen Augen, dessen Erinnerungen in den Gräben ihres Gehirns geistern, platzte auf unerklärliche Weise in mein Leben. Und heftiges Mausklicken brachte mich schließlich zum Namen jenes Mannes, der mein Grubenmädchen gemalt hatte – Gottfried Helnwein.
Helnwein glaubt an die Fähigkeit der Kunst emotionale Erinnerung weiterzugeben: Als Rückblick auf die Geschichte, doch vor allem als Warnung für die Zukunft – hat doch der Mensch seiner Meinung nach nichts dazu gelernt. Sollte also sein künstlerisches Werk als Akt der Buße gesehen werden? Ich würde lieber den jüdischen Ausdruck "Tikkun" (Hebr. wörtlich Wiederherstellung, Heilung oder Bereinigung) verwenden. Das Wort hat eine tiefere Bedeutung, als die Heilung der physischen Wunden, denn der Tikkun führt uns in eine höhere Ebene des Geistes. Die verletzten Mädchen schließen ihre Augen, doch sie sind keinesfalls blind. Durch ihre geschlossenen Lider dringt ein klarer, fester Blick.
Nava Semel
Tel Aviv
December 2005
Aus dem Hebräischen von Sharon Nuni
"Sie ist nicht so alt, wie sie aussieht. Obwohl "Alter" in ihrem Fall ein trügerischer Begriff  ist. Eigentlich ist es ihre Kindheit, die festgehalten wird, und das ohne jegliche Nostalgie. Man muss  schon sehr viel Fantasie aufbringen, um sich zu diesem Körper, in diesem Zustand kleine, mollige Händchen, Grübchenwangen und Milchzähne vorzustellen…  Das kleine Mädchen, das sie einmal gewesen ist, dachte: Vielleicht bin ich schon tot? Nur die Toten vergräbt man so tief in der Erde."
Auszug aus "Und die Ratte lacht" von Nava Semel





Die Wunden der Erinnerung
Das Mädchen krachte durch mein Browser-Fenster und der Text, an dem ich gerade arbeitete, begann auf meinem Monitor zu zittern. Dieses Bild hatte einen Cybersprung zu mir geschafft:
Von einer Londoner Galerie bis nach Israel.

Zwei Jahre lang war ich in die Arbeit an meinem Buch "Und die Ratte lacht" vertieft gewesen, dessen Kern die Erinnerung an den Holocaust und ihre Überlieferung durch die Generationen bis 2099 ist. Meine Protagonistin war ein kleines Mädchen, das in diesen dunklen Zeiten in einer Kartoffelgrube versteckt wurde, schwere Misshandlungen erlitt und überlebte. Und jetzt erschien dieses Mädchen plötzlich vor mir. Eine klare Vision, die auf mysteriöse Art und Weise meine eigenen, kleinen Worte ergänzte. Das verschlossene, reine Gesicht - betend oder verzweifelnd - und ein Hauch einer Träne, kaum sichtbar, im Winkel ihres Auges. Dieses Mädchen mit geschlossenen Augen, dessen Erinnerungen in den Gräben ihres Gehirns geistern, platzte auf unerklärliche Weise in mein Leben. Und heftiges Mausklicken brachte mich schließlich zum Namen jenes Mannes, der mein Grubenmädchen gemalt hatte – Gottfried Helnwein.   

Mein erster Gedanke war, wie ist es möglich, dass ein Mensch, den ich überhaupt nicht kenne, in die Seele meines Textes gedrungen ist? Und war es ein Schachzug des Schicksals, oder gar die Willkür des Zufalls, der das gemalte Mädchen und die auf Papier gebrannten Buchstaben meines Textes, verband?
Tel Aviv, ein ganz normaler Tag im Februar. Draußen raschelten die großen Blätter der Palme, die ich gepflanzt hatte, als ich in dieses Haus am Ufer des Yarkon-Flusses gezogen bin. Ich fand es schwer zu glauben, dass dieses namenslose Mädchen, das in mir mit viel Schmerz und Entsetzen entstanden war, schließlich ein Gesicht bekommen hatte. Also begab mich auf eine wilde Suche nach Einzelheiten: Gottfried Helnwein, ein österreichischer Maler, dem Volk der Täter entsprungen, widmet sein Werk den verletzten, misshandelten, vernarbten Kindern, die die Spuren der Gewalt und des Todes tragen. Helnwein verarztet die kleinen Opfer, legt Verbände an ihre Wunden und umarmt sie mit Pinsel und Farbe.
In einem Aquarell aus dem Jahr 1974 ist ein Mädchen in einem sehr kurzen Röckchen zu sehen. Ihr Kopf, ihr Gesicht und ihre Fäuste sind in einen engen Verband gewickelt, wie eine lebendige Mumie. Der Verband dient einerseits als Schutz, doch andererseits verschließt er den Schmerz in ihr, und nur der Blick des Betrachters ermöglicht ihrer verbrannten Seele sich wie aus einem Kokon zu einem Schmetterling zu verwandeln.   
Die Augen meines "Grubenmädchens" - so hatte ich sie genannt – waren das menschliche Fenster, das in die Welt hineinsieht.  Doch diese Augen waren gezeichnet, denn sie hatten eine brutale, düstere Welt erblickt. Erwachsene, deren Aufgabe es war, sich um sie zu kümmern, und sie zu beschützen, haben sie betrogen, im Stich gelassen, ihren zerbrechlichen Körper gepeinigt und sogar ihre Existenz als gleichwertiges, menschliches Wesen der Schöpfung verleugnet. .
Helnweins gemalte Mädchen ziehen sich in innere Festungen zurück. Ihr Weg des Überlebens ist, sich in ihren Verbänden zu verkriechen, zu reduzieren, und dort auf ein Wunder zu warten, das ihre Psyche rettet und sie von der Last des Schreckens, der an ihren unschuldigen Seelen und Körpern verübt wurde, erlöst. In einem Triptychon aus dem Jahr 1995 hält ein Mädchen ihre Hände zum Gebet gefaltet an die Brust. Trotz ihres festlichen, weißen Kommunionkleides, geht es hier nicht unbedingt um ein Gebet, im streng religiösen Sinn, sondern eher um einen persönlichen Psalm, den ein Mensch mit letzter Kraft in sich trägt. Helnwein lässt nichts aus. Manche mögen ihn einen "Hyper-Realisten" nennen, der erschreckende Details benötigt. Doch das ist sein Weg, uns die Resultate brutaler Traumata entgegen zu halten. Und obwohl seine Darstellungen immer irritierend und beunruhigend sind, verwandelt sich dieses realistische Portrait in ein "Über-Portrait", das außer sich selbst, die symbolische Essenz der Menschheit in ihrer Blöße darstellt.
In den siebziger Jahren begann der Künstler mit seinen öffentlichen Aktionen auf Wiens Straßen, und ersparte sich nichts vom Leiden seiner jungen Helden. Er schnitt sich ins eigene Fleisch und blutete vor den Augen der schockierten Passanten; er beschwor einen Skandal herauf, als er öffentlich aufrief, einen namhaften österreichischen Psychiater vor Gericht zu stellen, der während der Nazi-Zeit hunderte von Kindern mit Gift ermordet hatte und obendrein erklärte, es wäre ein "humaner Tod" gewesen.  

In seiner Serie "Selektion" (Neunter Novembernacht 1988), die Helnwein zum fünfzigsten Jahrestag der sogenannten Kristallnacht entwarf, wurden siebzehn überdimensionierte Portraits gegenüber des Kölner Doms, auf den Mauern des Ludwig Museums angebracht – gleichsam Geistern aus der Vergangenheit. Das Ausmaß der Qualen wurde durch die deutsche Straße vergrößert, und Helnwein zwang die Passanten, sich wie durch ein Vergrößerungsglas mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, die so viele verdrängen, ignorieren oder ganz aus ihrem Bewusstsein auslöschen wollten. Für ihn ist die Nazi-Vergangenheit nicht noch eine Seite aus dem Geschichtsbuch, sondern eine tatsächliche Gefahr, ein Gift, das unter der Oberfläche weiterhin sein Unwesen treibt: Rassismus, Fremdenhass, ethnische Säuberungen, Hinrichtung von körperlich oder geistig Behinderten, Hilflosen – die alle nicht an Aktualität verloren haben.
Umso erschütternder ist es, dass diese unschuldigen Gesichter einer anderen, grausamen Selektion zum Opfer fielen –  eines Nachts  wurden die Portraits von einer anonymen Messerklinke zerschnitten. Man siehe und staune, wie die menschliche Grausamkeit keine Gelegenheit auslässt, um die dünne Hülle des Alltags zu durchbrechen.
In Helnweins "Epiphanie"-1996 ist eine arische Muttergottes zu sehen, die bewundernden SS-Offizieren das Baby Adolf Hitler präsentiert. Die Verwendung der christlichen Ikonografie, insbesondere das Motiv der Drei Heiligen Könige, macht dieses Werk so makaber. Denn durch sie entblößt Helnwein die Heuchelei einer Gesellschaft, die den Namen Christi und seine Botschaft vergebens trägt und verfälscht.  
Das süße Kind in den Armen der Madonna – ein Echo auf Wislawa Szymborskas berühmtes Gedicht "Hitler erstes Photo" – entwickelte sich zu einem erwachsenen Ungeheuer, unter dessen Herrschaft Millionen von Kindern gequält und ermordet wurden.
Die Tatsache, dass das Grubenmädchen ursprünglich in einer Kirche in Österreich ausgestellt worden war, ist eine subversive Kritik an allen Religionen, die Gnade und Mitgefühl predigten und von denen bloß leere Worthülsen übrig geblieben waren. Sie alle waren wohl gute, europäische Bürger, die ihr menschliches Antlitz aufgegeben hatten.
Doch gleichzeitig stellt Helnwein in seinem Werk die Macht des Überlebens dar. Die gepeinigte Seele bleibt in sich rein, denn selbst in der Dunkelheit der Grube, kann ein Mensch seine psychische Kraft mobilisieren und das Lachen der Ratte hören.  

Helnwein glaubt an die Fähigkeit der Kunst emotionale Erinnerung weiterzugeben: Als Rückblick auf die Geschichte, doch vor allem als Warnung für die Zukunft – hat doch der Mensch seiner Meinung nach nichts dazu gelernt. Sollte also sein künstlerisches Werk als Akt der Buße gesehen werden? Ich würde lieber den jüdischen Ausdruck "Tikkun" (Hebr. wörtlich  Wiederherstellung, Heilung oder Bereinigung) verwenden. Das Wort hat eine tiefere Bedeutung, als die Heilung der physischen Wunden, denn der Tikkun führt uns in eine höhere Ebene des Geistes. Die verletzten Mädchen schließen ihre Augen, doch sie sind keinesfalls blind. Durch ihre geschlossenen Lider dringt ein klarer, fester Blick.
Künstler, daran möchte ich fest glauben, sind dazu bestimmt die Träger der Erinnerung zu sein, koste es was es wolle. Wir sind dazu verpflichtet, Ungerechtigkeiten aufzuzeigen; als Wächter und Beschützer zu dienen. Helnwein hat den Preis bezahlt. Er ist nach wie vor das enfant terrible, das sich nicht an die Spielregeln in der Kunstarena hält, er ist nach wie vor ein umstrittener Künstler. Ein Künstler, der in seinen jungen Jahren von einem selbstgerechten Establishment boykottiert wurde, weil er ein Hitlerportrait mit seinem eigenen Blut gemalt hat, nachdem er sich mit einer Rasierklinke die Handgelenke aufgeschnitten hatte. Er wandelt nach Bedarf gekonnt von einem Medium zum anderen und gefährdet sich immerfort. Seine Position als "einsamer Wolf", der keiner künstlerischen Strömung verpflichtet ist, gibt ihm auch die Freiheit, seinen gesellschaftlichen und politischen Standpunkten treu zu bleiben, und sich und seiner Umwelt die Aufgabe eines moralischen Kompasses abzuverlangen.
An diesem besagten Tag in Tel Aviv sandte ich eilig ein Fax an die Robert Sandelson Galerie in London. Knappe vierundzwanzig Stunden später bekam ich eine Antwort von Gottfried Helnwein, der mir großzügigerweise gestattete, das "Grubenmädchen" als Umschlagbild für mein Buch zu verwenden. Und so wurde er zu meinem Begleiter auf der Reise zu meinen israelischen Lesern, die dem alten, jüdischen Gebot "DU SOLLST ERINNERN" folgen mussten. Ich bin sehr glücklich darüber, dass so auch die Menschen in Israel auf sein Werk aufmerksam geworden sind.

Eines meiner Lieblingsbilder ist nicht gemalt, sondern ein Foto des Künstlers, der sich gerade ausruht, nachdem er die Arbeit  zu seinem Bild "Das Grubenmädchen" beendet hat.
Von ihrem gigantischen, auf dem Boden ausgebreiteten Portrait sind nur ihre geschlossenen Augen sichtbar, wie zwei Bögen, die die Weltkugel stützen. Helnwein liegt in schmutzigen Jeans, bewegungslos auf der Linie zwischen Stirn und Haaransatz des Mädchens. Sein Blick ist nach oben gewandt – vielleicht schläft er, vielleicht ist er ohnmächtig – als wäre er Athena, die aus dem Kopf des Zeus entspringen wird.   
Rechts davon kniet sein kleiner Sohn, dessen goldene Haartolle sein Gesicht verdeckt, und steckt seine Hand in die rote, fleckige Farbdose. Ich musste an eine alte, jüdische Legende denken – an den jungen Moses, der mit seinem Händchen in die glühende Kohlenschüssel griff, und sich den Mund verbrannte. Seither stotterte er, doch dieser Sprachfehler hinderte ihn nicht daran, dem grausamen Tyrann "Lass mein Volk ziehen" zuzurufen und das Volk der Hebräer von der Sklaverei in die Freiheit zu führen.

Selbst in seinem Schlaf hält Papa Gottfried die andere Hand des Jungen fest, als gebe es überall Gefahren für die Kleinsten und Hilflosen unter uns. Wir dürfen niemals vergessen, dass sie immerzu unseren Schutz brauchen. In seiner anderen hält er einen Pinsel – wohl die einzige Waffe des Künstlers.

Nava Semel, Tel Aviv, Dezember 2005
Aus dem Hebräischen von Sharon Nuni





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